BIBLIOGRAPHY  
Im Gespräch mit Beuys via Bierdose
 
Nicola Kuhn. Feuilleton. Seite 18/ Der Tagesspiegel. (Se refiere a: ifa-Galerie exhibition, 25 September). August 18, 1994.
 

Gegenfrage: Was halten Sie denn selbst von Fidel Castro? – Es könnte leicht sein, daß einem die beiden kubanischen Maler Ponjuán und René Francisco so antworten, denn allzu oft werden sie nach ihrer Meinung über die Sitution in ihrer Heimat gegragt. Sie werden sich diese Fragen auch weiterhin gefallen lassen müssen, denn sie sind nicht wie die Mehrheit ihrer Kollegen aus Kuba emigriert und können deshalb eine authentische Anschauung wiedergeben. Dabei gerät ihre Kunst leicht in den Hintergrund oder wird auf politische Aspekte reduziert.

Es lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Die Arbeiten der beiden, die seit 1986 zusammen wirken, eröffnen viele Sichtweisen auf die Kultur, die Lebensumstände und die politischen Verhältnisse in Kuba. Mittels wiederkehrender Metaphern entwickeln die beiden Künstler ein ganzes Geflecht an Bezügen zu Religion und Revolutionspathos, Widrigkeiten undWunschvorstellungen des Alltags, zu Literatur und Kunstgeschichte. Daß dabei die naheliegende Interpretation nicht immer die (einzig) richtige ist, verrät schon der Titel ihrer Ausstellung, die heute abend in der ifa-Galerie eröffnet wird: ¨Vuelo¨ (Flug). Fliegen ist hier nicht als Flucht gemeint, auch wenn in Ponjuáns uns René Franciscos Installation immer wieder Fluggesellschaft vorkommen. ¨Vuelo¨ steht vielmehr für den Gedankenflug, die Kommunikation unter Künstlern, die Utopie, aber auch die Möglichkeit des Reisens (mit Rückkerhr).

Den künstlerischen Dialog haben Ponjuán und René Francisco seit acht Jahren zum Bestandteil ihrer eigenen Arbeit gemacht, nachdem sie sich zuvor am Höheren Kunstinstitut in Havanna kennengelernt hatten. Eine ihrer zentralñen Arbeiten für die Berliner Ausstellung hat die Bedeutung von Institutionen zum Thema, die einen solchen Dialog ermöglichen. Unter dem Titel ¨Flugreise¨ telefoniert ein kubanischer Künstler mit Beuys ebenfalls als Farbtube mit Hut und Weste; kommuniziert wird mittels Bierdosen; die Telefonschnur der beiden Gesprächspartner bildet die Silhouette Kubas nach.

In dieser Installation taucher nicht nur typische Assemblage-Bestandteile wie die Personifizierung durch eine Farbtube oder die Verwendung von Abfällen des Dollar-Tourismus auf, Ponjuán und René Francisco sind mitten in ihrem Thema: die Kontaktaufnahme mit westlichem Denken, westlicher Kultur und die Folgen für Kuba, die Reflexion des eigenen Standpunktes angesichts einer heute zum größten Teil außerhalb Kubas stattfindenden kubanischen Kunst. Dabei verblüfft der Humor, die Selbstironie, mit der beide zu Werke gehen. Kubas befinde sich längst nicht in einer so dramatischen Situation wie etwa Somalia, sodern eher in einer melodramatischen.

¨Artista Melodramático¨ lautete schon der Titel ihrer zweiten gemeinsamen Austellung im Jahre 1989, die ihnen den Durchbruch brachte. Dabei mag zwar die vorübergehende Schließung und spektakuläre Abhängung all jener Gemälde, auf denen ¨Il Commandante¨ zu sehen war, nachgeholfen haben. Zugleich hatten sich Ponjuán und René Francisco jedoch als kritisches und eine ganze Klaviatur an künstlerischen Möglichkeiten bedienendes Duo eingeführt.

Nach Art der Postmoderne verwenden sie alle möglichen Mittel: Elemente der russischen Avantgarde, Kitsch, Floklore, konventionelle Malerei, Werbung, Gegenstände des Alltags finden sich in ihren Assemblagen und Installationen wieder. Gerade in diesem Mix beruht auch die komische Komponente vieler Konstellationen. In der ¨Patriotischen Ecke¨ beispielsweise sind unter dem Neonschriftzug ¨Iluminaciones¨ eine Reihe von Petroleumlampen angebracht. Ponjuán und René Francisco konterkarieren hier auf erfrischende Weise Lenins berühmte Gleichung ¨Kommunismus = Sowjetmacht + Elektifizierung des ganzen Landes¨, denn während der oft stundenlangen Stromsperren müssen sich die Kubaner mit diesen aus westlichen Cola – und Bierdosen gebastelten Öllämpchen behelfen.

Neben Beuys findet sich in ihrer ersten europäischen Einzelausstellung noch eine zweite Anspielung auf Deutschland. Gleich einer Bühne steht ¨Der Sammler¨ (als Farbtube) mit seinen afrikanischen Kunstwerken auf des aus Holz gesägten Landkarte Deutschlands. Peter Ludwig sei nicht gemeint, betonen die beiden, auch wenn das Aachener Ludwig-Forum die nächste Station ihrer Reise sein wird. Dort soll im September die V. Biennale von Havanna noch einmal gezeigt werden, in der Ponjuán und René Francisco mit ihrer Installation ¨Traum, Kunst und Markt¨ für Aufmorksamkeit sorgten.

Ein Teil ihrer damaligen Installation kann jedoch in Aachen nicht wiederaufgebaut werden, da er in die Berliner Ausstellung eingegangen ist. ¨An die Tradition gekettet¨ lautet der Titel der herausgezogenen Einzelarbeit: ein Flugzeug aus Farbtuben der Marke Holbein zieht vier Bilder mit Motiven Malewitschs hinter sich her. Das wahre Abheben bleibt ein Traum, denn das Fliegen muß an einem bestimmten Punkt beginnen. ¨Vuelo¨ hält dafür die Idee einer Utopie wach.